Sterbefasten Freiwilliger Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit
SterbefastenFreiwilliger Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit

Literatur

Am 3. Mai 2016 ist mein Buch erschienen:
Sterbefasten.

Freiwilliger Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit.

Eine Fallbeschreibung.

Das Buch kann im Buchhandel erworben werden. ISBN: 978-3-86321-287-2

Empfehlenswerte Literatur:

     - .   Wolfgang Putz. Patientenrechte am Ende des Lebens. Vorsorgevollmacht.     
           Patientenverfügung.Selbstbestimmtes Sterben. Beck. München, 6. Auflage 2016

     -      Boudewijn Chabot, Christian Walther. Ausweg am Lebensende. Selbstbestimmtes Sterben
           durch freiwilligen Verzicht auf Essen und Trinken. Reinhardt Verlag. München, 4. Auflage 2015

       -   Gian Domenico Borasio. selbst bestimmt sterben. Beck. München 2014

        -  Michael de Ridder. Wie wollen wir sterben? Deutsche Verlagsanstalt. München 2010

        -  Ralf J.Jox. Sterben lassen. Über Entscheidungen am Ende des Lebens. Edition Körber-Stiftung
           Hamburg 2011

         -  Wolfgang Putz. Elke Goor. Sterben dürfen. Hoffmann und Campe.-Hamburg 2011

         -  Essen und Trinken im Alter. Pflegiothek. Cornelsen.Berlin 2010.

 

 

Auszüge aus dem Buch:

Sterbefasten. Freiwilliger Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit.

Eine Fallbeschreibung

Teil I

1.Letzter Atemzug

27. Februar 2010,7 Uhr, meine Mutter hat gerade ihren letzten Atemzug getan. Ich hatte das Handy am Ohr, um meiner Tochter Bescheid zu geben, dass sie rasch kommen solle, da es wohl mit Mama zu Ende gehe, als plötzlich die Atmung stockt. Der Puls meiner Mutter verlöscht. Sie liegt ganz still und friedlich da. Dann-noch ein Atemzug nach einer langen Pause. War das ihr letzter? Nein, es folgt nach einer weiteren längeren Pause noch ein sanfter, flacher Atemzug. Dann ist alles still!

Mama hat es geschafft. Sie hat ihren letzten Weg gemeistert. Sie ist tot, gestorben 13 Tage nach ihrem freiwilligen Entschluss, das Essen und Trinken komplett einzustellen.

Am Todestag waren es also diese 13 Tage, die wir Zeit hatten, den Entschluss meiner Mutter zu akzeptieren und ihr Sterben zu begleiten.......

5. Festlegung des Beginns für FVNF

Am 14.2.2010, also Rosenmontag begann meine Mutter freiwillig auf Nahrung und Flüssigkeit zu verzichten, d.h. die ersten 3 Tage aß sie noch pro Tag 2/3 Zwiebäcke und nahm Flüssigkeit für die Schlaftabletteneinnahme zu sich. Ich denke, sie hat gehofft, dass sich die Schwäche und das Sterben schnell einstellen, da sie von dem Tag an ihr Bett nur noch für Toilettengänge verlassen hat, außerdem unterstrich die Tatsache, dass sie nicht mehr aufstehen und sich anziehen wollte, ihre Entschlossenheit, ihr Sterben "durchzuziehen" vor sich und vor uns.

Die ersten Tage unterstützte sie sich und ihren Entschluss noch durch die Einnahme von Schlaftabletten. Da sie im normalen Alltag schon immer unter Nüchternmagenschmerzen litt, hatte sie sicherlich Angst vor der möglichen Verschlimmerung dieser Schmerzen beim Einstellen der Nahrung, so dass sie hoffte, diese schwierige Zeit zu verschlafen, sozusagen in den Tod hinüberzuschlafen. Ich habe mir am Anfang immer wieder die Frage gestellt, warum sie diesen Zeitpunkt gewählt hat, warum diesen Montag? Gab es einen Anlass? Aber auch diese Frage verlor in dem ganzen Trubel des Sich-Drauf-Einlassens seine Wichtigkeit. Heute mit dem Abstand von 4 Jahren weiß ich, dass es wohl keinen Anlass gab. Gründe ja! Gründe gab es genug. .....

16. Dauert es noch lange?

Klein zerstossenes Eis auf einem kleinen Löffel vorsichtig auf die trockene Zunge gelegt, fördert ein Lächeln auf das Gesicht meiner Mutter. Auch mal die Gabe eines kleinen Stückchens Butter schien ihr gut zu tun, denn es legte sich wie ein feuchter Film auf die Zunge und die Schleimhäute.

Die Stirnfalten, die in der ersten Woche sich tief in ihre Stirn über die Nase gegraben hatten, sind weg. Es gibt nichts mehr zu grübeln, alles ist gesagt und gedacht. Mama hat die Zeit wunderbar genutzt, um sich von allen Menschen, die ihr wichtig waren, zu verabschieden, sich zu bedanken, zu entschuldigen, ihnen Gutes zu wünschen und sie zu beschenken.

Es ist schön mitzuerleben, wie solch ein Sterbeprozess, der allen Beteiligten zu Beginn so viel Stress gemacht hatte, sich so wunderbar und harmonisch entwickeln konnte. Alle haben dazu beigetragen, alle müssen dazu beitragen, sowohl der Sterbende als auch die Betreuenden. Und das alles funktioniert nur, wenn man über den Tod und das Sterben spricht. Und nicht nur, wenn es soweit ist, wenn der Tod schon ums Haus läuft oder der Todeswunsch durchbricht. Nein, vorher, sozusagen im Gesunden, im Unbelasteten darüber sprechen. Wenn nicht der Ernst der Lage so viel Druck, Angst und Trauer erzeugt, dass ein freies Nachdenken unmöglich wird. ...

Teil II

Überlegungen zum Sterbefasten

19. Wenn jemand Suizid wählt

Meine Mutter hat bewusst das Essen und Trinken eingestellt, mit dem Ziel, so bald als möglich zu sterben. Sie fühlte sich mit 88 Jahren lebensmüde, und sie war sicherlich auch lebenssatt. Sie hatte vieles erreicht, vieles ertragen, vieles erhalten, vieles getan, vieles gegeben. Sie war von vielen Mernschen geliebt worden, hatte vielleicht ein paar Neider, hatte eine Ehe hinter sich gebracht mit wunderbaren Höhen und schmerzhaften Tiefen, sie hatte ein frühgeborenes Kind, das einen Tag gelebt hatte, eine Fehlgeburt , drei gesunde Kinder, die ihr Kummer und Freude gebracht haben, sie war stolze Oma von 3 Enkelkindern, hatte sich nach dem Tod ihres dominanten, aber liebevollen Ehemanns freigestrampelt und war selbstständig geworden. Im Alter von 83 Jahren zog sie in unsere Nähe, was schon ein erstes für sie schwerwiegendes Zugeständnis an ihr Alter war, da sie somit für jedes Treffen mit ihren Freunden uns, mich bitten musste, sie in den Heimatort zu bringen. Viele weitere Zugeständnisse und damit Einschränkungen folgten, jedes Jahr mehr. Sie schaffte es trotzdem, sich in dieser neuen Wohnung wieder so richtig heimisch zu fühlen. In einer Tagebucheintragung meiner Mutter fand ich die Zeilen: "Lieber Max, (ihr Ehemann) dies wird mein letzter Umzug sein, den nächsten Umzug mache ich dann zu Dir." ...

....Wenn sich ein sterbender oder hochbetagter Mensch zum Sterbefasten entscheidet und keinerlei Nahrung mehr zu sich nimmt, wird er eventuell zwei, drei Tage noch ein Hungergefühl verspüren (bei meiner Mutter waren es genau 2 Tage), aber dann- wie beim Heilfasten auch - verschwindet das Hungergefühl, der Körper baut Fettzellen ab und produziert dabei Ketone, die eine schmerzlindernde Wirkung haben. Außerdem beginnt der Körper nach einigen Tagen des Fastens und der Flüssigkeitsverringerung Endorphine zu produzieren, die morphinähnliche Wirkung haben und stimmungsaufhelllend sind, so dass der Mensch ein Wohlgefühl spürt, und sogar eine Art Euphorie entstehen kann. Bei meiner Mutter war die gute Laune und das Sich-Wohl-Fühlen ja ganz ausgeprägt nach ca drei Tagen. ...

 

 

 


Anschrift

Christiane zur Nieden
HP Psychotherapie

Hans-Christoph zur Nieden
Arzt für Allgemein- und Palliativmedizin

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41372 Niederkrüchten

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